Dietrich Henke aus Lüdendorf

dietrich henke aus ludendorf

Innovation im Klimawandel

In Berlins Süden hat 2018 ein großer Waldbrand fast 400 ha Kiefern vernichtet. Betroffen davon war auch der zwischen Landes-, Privatwald und einem Naturpark, Kiefern über Kiefern und in einer der wohl trockensten Waldregionen Deutschlands liegende Stadtwald Treuenbrietzen. Rund 135 ha des 1.900-ha-Reviers hat der Brand niedergelegt. Betreut wird der Wald von einem Förster, der sich für die Selbstheilungskräfte des Waldes engagiert – mit Innovation im Klimawandel.

Dietrich Henke ist Stadtförster in Treuenbrietzen, Brandenburg. Dort übernahm er 2002 ein überwiegend reines Kiefernrevier. Über eine systemstrategische Jagd ermöglichte er die Verjüngung von Laubbaumarten in seinen Beständen. Fünf Jahre später verursachte „Kyrill“ große Sturmschäden. Heute steht hier ein bunter Wald, der dem Wind den Weg und den Besucherinnen und Besuchern den Blick versperrt – mit bis zu 35 % Laubholz im Unterstand. Dem Förster gab diese Entwicklung die Kraft und gute Startbedingungen, die niedergebrannten Flächen zu verarzten – nach der zweiten Naturkatastrophe in seinem Revier.

Wissen schaffen

Für die Brandflächen strebt er seitdem an, was die Sturmflächen schon zeigen. „Die Sturmflächen aus 2007 haben mich angesteckt“, erinnert sich Henke. Manch-
mal kann er es selbst kaum glauben, wenn er dort eine vitale Rotbuche vorfindet. Mit bis zu 12 Wochen ohne Regen, bei einem durchschnittlichen Jahresniederschlag von 480 mm, ein eher überraschender Anblick. Denn das Waldbild Südbrandenburgs zeigt sonst fast ausschließlich Kiefern. Henke hat das Gefahrenpotenzial von einschichtigen Beständen erlebt. Dem wirkt er entgegen.

Um mehr über Bodenbeschaffenheit, Nährstoffe, Wasser, Pilze, Vegetation und Klima auf diesen besonderen Flächen zu erfahren, arbeitet er mit verschiedenen am Ökosystem forschenden Instituten am „Pyrophob“- und „Erwin“-Projekt zusammen und versucht sich an verschiedenen waldbaulichen Methoden. „Schematische Durchforstungen sind keine Lösung, es braucht
Diversität, Wechsel an Licht und Schatten, Gruppendurchforstungen in unterschiedlicher Größe.“ Kleinflächig strukturiert, das ist sein Credo. „Ich bin nicht der Mensch, der nur alles ‚quadratisch – praktisch – gut‘ macht. Ich muss mit Licht spielen und bejagen, das alles zusammen bringt den Erfolg.“

Wild zu Hause besuchen

Mit der Jagd spart er sich Zäune für die ungestörte Entwicklung junger Bäume: „Wenn ich lebensraumgerechte Drückjagdeinrichtungen setze, begegne ich dem Wild auf Augenhöhe. Denn es sucht in Unruhe immer den Weg hin zur Deckung. Damit folgt es seinem Instinkt. Daraus ableitend habe ich eine systemische Bejagungsstrategie für Gesellschaftsjagden entwickelt. Durch Luftbildauswertungen kann ich Licht- und Schattenbereiche über den Kronenschlussgrad sehr gut differenzieren. Relief und Bestockungsart ergänzen diese strategische Ausrichtung“, so Henke, der familiär bedingt erst die Jagd, später das Forstwesen in seiner Heimat Lüchow-Dannenberg an der Elbe in Niedersachsen kennenlernte. Mit seinem Konzept sucht er das Rehwild nicht auf den lichten Flächen mit erhöhtem Jagddruck.

Er erklärt: „Es sind drei Kriterien zu beachten: Die Sitze brauchen einen räumlichen Bezugsabstand zueinander, der 300 m nicht überschreiten sollte. Es ist eine Sichtverbindung zu Zwangsflächenstrukturen herzustellen, die künstlicher und natürlicher Art sein können. Und die größtmögliche Bejagungsfläche muss abgedeckt werden. Bestenfalls hat man dann eine 360-Grad-Sicht. Jeden Sitz prüfe ich nach diesen Kriterien. Sie sollten alle zutreffen, damit ich einen Stand aufstelle.“

Eine Leidenschaft, die ihn einspannt: „Als Förster bin ich verheiratet mit dem Wald.“ Der Vater eines Sohnes zählt bald schon den vierten Jagdgebrauchshund zu seiner Familie. Sein Beruf beschäftigt ihn eigentlich immer, sagt er. Um fünf Uhr startet er meist in den Wald, je nach Jahreszeit. Erst nachmittags kommt Henke wieder heraus, um am Schreibtisch zu arbeiten. Den Tag nutzt er am liebsten im Revier, manchmal ist er aber auch auf Reisen, um für Forstverwaltungen Seminare zu seiner Jagdmethode zu halten. „Die Strecke hat sich in diesen Revieren ebenfalls erhöht.“ Henke freut sich über seine jagdlichen Erfolge. „Das Zusammenspiel muss man verstehen: Jagd und Waldnutzung beeinflussen den Standort positiv, da beides die Waldverjüngung sichert."

Waldentwicklung nach Brand

Trotz der erfolgreichen Jagd und seinem Vertrauen in den Standort, wusste er nicht, was er nach dem Brand tun sollte: „Mit Stürmen konnte ich noch umgehen, aber nach dem Brand war ich zuerst einmal hilflos. Ich stand vor der riesigen Aufgabe, diese Fläche wieder neu zu strukturieren. Erst nach der Spontanverjüngung von Vorwaldbaumarten wie Aspe, Birke und Salweide, die mit ihrer Urgewalt fast 60 % der Brandfläche besiedelten, konnte ich durchatmen.“ Denn auch er stand vor dem Problem, dass forstliches Vermehrungsgut rar ist. Ein wenig Glück habe mit hineingespielt, gibt er schmunzelnd zu: „Zum Zeitpunkt des Brandes hatten fast alle Laubbaumarten eine Sprengmast.“ So setzte Henke auf eigenes Vermehrungsgut. Dabei nutzte er ein für diese Verhältnisse entwickeltes Saatverfahren von der Rückegasse aus.

Heute weiß Henke, wie er brandgeschädigten Wäldern helfen kann: „Das stehende Totholz wurde über ein Rückegassensystem und herkömmliche Holzwerbung bis zu 50 % reduziert, um die technologische Bearbeitung im Nachgang zu garantieren. Bis die Restbestockung umfällt, hat man ca. drei Jahre, um alles für den nächsten Bestand vorzubereiten.“ Neben der natürlichen Sukzession pflanzte Henke mithilfe ansässiger Vereine vor allem Wildlinge, um das bestehende Verjüngungsbild zu ergänzen. Im dritten Jahr nach der Katastrophe und mit den diesjährigen Februarstürmen ist der Restbestand schließlich umgefallen. Die verkohlten Stämme liegen nun wirr über dem Wald von morgen, haben ihn jedoch nicht erschlagen. „Da sich die Stämme überlagern, ist ein Mosaik aus Licht und Schatten entstanden. Die liegenden Bäume dienen zudem als natürlicher Zaun und die Pflanzen können ungestört nach oben wachsen.“ 

Von der Ascheschicht am Boden, die durch verschiedene Moose pflanzenverfügbar gemacht wurde, können die jungen Bäume außerdem zehren. Auch die Feuchtigkeit wird durch den hohen Totholzanteil bis zu 30 % besser gebunden
als auf 100 % beräumten Flächen. Und noch ein Ass hat Henke ausgespielt: „Nicht nur die Biomasse des Oberbodens verbrannte, auch sämtliche bodenbildenden Organismen. Um diesem Verlust an natürlichen Prozessen entgegenzuwirken, habe ich aus Parkanlagen der Stadt mit einer passenden Baumartenzusammensetzung mehrere Tonnen Laub auf Teilen der Brandflächen ausgebracht.“ Damit konnte er die fehlende Biomasse ausgleichen. Heute findet er auf der Brandfläche elf Baumarten vor – Pappel, Eiche, Linde, Rot- und Hainbuche, Ahorn und weitere. 

„Den Erfahrungswert musste ich erst mal sammeln. Wenn man alleine vor so einer Aufgabe steht, haut einen das um. Und das Gefahrenpotenzial für Waldbrände steigt ja in vielen Revieren.“

Henke ist überzeugt, dass die Forstleute dem Klimawandel und Katastrophen wie dieser nur entgegenwirken können, wenn das Personal aufgestockt wird. „Wir sind auf einem Pfad des Wandels in der Forstwirtschaft. Wie man mit Naturkatastrophen umgeht und dabei die Prinzipien der naturgemäßen Waldwirtschaft einhält, das ist die Frage der Zukunft. Insekten, Sturm, Brand – wir werden immer mehr Situationen wie diese erleben.“ Für die Zukunft wünscht sich der ökologisch orientierte Förster, dass jeder Einzelne sein Verhalten darauf abstimmt: „Überfluss ist keine Lösung. Jeder kann etwas tun und demütig sein vor dem, was kommt.“

Erfolge sind zum Teilen da

Henke ist bestrebt, sein Wissen über natürliche Waldverjüngung, Waldbrände und die Jagd weiterzugeben. Er rede viel und gerne, sagt er über sich selbst, und er möchte, dass Waldschäden wie diese mehr Aufmerksamkeit bekommen. Der kommunikative Förster bedenkt Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen gleichermaßen, die Erholungs- und Schutzfunktionen liegen ihm aber besonders am Herzen. „Die Bürgerschaft hat ein Verlangen, die haben einen gewissen Anspruch.“ Ihnen mithilfe des Waldbildes zu zeigen, was an diesem kargen Standort natürlicherweise möglich ist, erfüllt ihn. Auch Praktikantinnen und Praktikanten sowie Bachelor- und Masterarbeiten betreut er gerne. „Sich alleine über etwas zu freuen, macht nicht so viel Spaß. Das alles hier mit anderen zu teilen, motiviert mich!“ Henke macht das gern: „Was die Öffentlichkeit kennt und wertschätzt, wird sie auch schützen wollen.“

Carolin Föste

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