Martin Volkmann-Gebhardt aus Waldbüttelbrunn

martin volkmann gebhardt aus waldbuttelbrunn

Der Wald ist ihm ans Herz gewachsen

Wie kommt jemand auf die Idee, nach 35 Jahren von seinem sicheren Posten bei der staatlichen Forstverwaltung zu einer Gemeinde mit 1.200 ha Wald zu wechseln? Martin Volkmann-Gebhardt ist diesen Schritt jetzt im April 2022 gegangen. Der Wald ist ihm einfach ans Herz gewachsen, genauso wie die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde und dem Bürgermeister.

Die letzten zwölf Jahre war Martin Volkmann-Gebhardt beim Amt für Er­näh­rung, Land­wirt­schaft und Fors­ten (AELF) Karl­stadt auch für den Wald der Gemeinde Steinfeld zuständig. Schon seit der großen Forstreform in Bayern 2004 wurde und wird über den Ausstieg aus der Kommunalwaldbetreuung diskutiert. Der Zeitpunkt des Ausstiegs wurde auch vor dem Hintergrund des Klimawandels immer wieder hinausgeschoben. Ende 2021 wurden sich dann die Gemeinde das AELF und Volkmann-Gebhardt einig, dass der 59-jährige von der Ge­meinde übernommen wird. Vor allem die Bürokratie beim Staat wird Volkmann-Gebhardt nicht vermissen: „Die Verwaltungsaufgaben ufern immer mehr aus, sodass die Zeit für den Wald immer geringer wird“ so Volkmann-Gebhardt.

Vorbild ist die ANW

Ein zaunfreier Wald lässt nach Überzeugung Volkmann-Gebhardts alle Waldbauverfahren zu, die standörtlich angemessen und vom Ausgangsbestand her denkbar sind. Die betrifft Eiche, Buche, Douglasie, Lärche, Tanne, alle Wildobstsorten sowie Atlaszeder, Baumhasel, Platane, Roteiche, Erle, Ulme, Ahorn in kleinerer Beteiligung. Durch angepasste Eingriffe, von plen­ter­artig über Schirmschlag, einzelstammweise Nutzung, femelartige Eingriffe. Je nachdem, was der Bestand braucht, wird hochflexibel gearbeitet.

Naturnahe, wirtschaftliche Waldbautechnik

Bodenschonende Verfahren gehören nach Ansicht Volkmann-Gebhardts zu den Grundprinzipien der Bewirtschaftung. Der Boden sei eines der größten Potenziale. War Volkmann-Gebhardt früher eher ein Anhänger des Entrümpelns im Walde, um mehr Licht an den Boden zu lassen, haben ihm die letzten trockenen Jahre gezeigt, dass es für den Wasserhaushalt besser ist, mehr Rest- und Totholz im Wald zu belassen. 

Ein flächiges Befahren der Bestände kommt hier nicht infrage. Rückeschäden sollen durch optimale Feinerschließung, wenn nötig Kürzung der Stämme, eine gute Ausbildung und die Befähigung der eigenen Forstwirte vermieden werden. Auch beim Thema Arbeitssicherheit spielen permanente Schulungen und die optimale Ausrüstung eine bedeutende Rolle. Bei Holzerntearbeiten sei immer ein Schlepper mit Funkwinde vor Ort. Abgestorbenes Laubholz werde nicht aufgearbeitet.

Naturschutz und Biodiversität

Der Waldnaturschutz spielt für Martin Volkmann-Gebhardt eine zentrale Rolle. Er ist integrierter Bestandteil der multifunktionalen Bewirtschaftung des Gemeindewaldes. Auf ganzer Fläche werden deshalb Horst- und Höhlenbäume und starke Altbäume belassen. Umgestürzte und abgestorbene Einzelbäume bleiben soweit aus Waldschutz- und Verkehrssicherungsgründen möglich auf der Fläche. Die Anreicherung von Totholz und der Erhalt von Biotopbäumen als Beitrag zur Erhöhung der Biodiversität sind wichtige Ziele. Auch werden seltene Mischbaumarten gefördert und bleiben ungenutzt. Brutbäume, z. B. der Bereich einer Dohlenkolonie, und ökologisch besonders wertvolle Waldbestände wurden aus der Nutzung genommen. Die Pflege vorhandener Feuchtbiotope und die Neuanlage weiterer Biotope werden ebenfalls als wichtige Aufgabe gesehen und konsequent vorangetrieben. Die Gestaltung von Waldrändern rundet die umfassende Palette an Naturschutzmaßnahmen ab. 

Zurzeit arbeitet Volkmann-Gebhardt mit der Gemeinde daran, 10 % des Waldes in Verbindung mit einem angrenzenden Tal als Naturschutzgebiet auszuweisen. Hier soll dann Prozessschutz möglich sein, um der natürlichen Entwicklung freien Lauf zu lassen und dies auch beobachten zu können, um daraus zu lernen. Als Grundlage für eine planmäßige Umsetzung der Naturschutzziele wurde für den Gemeindewalddistrikt „Waldzeller Wald“ im Jahr 2017 bereits ein Naturschutzkonzept erarbeitet.

Auch der Umbau nicht standortgerechter Bestände in klimatolerante Laubmischwälder sowie die Förderung des Strukturreichtums der Bestände, u. a. durch das Einbringen klimastabiler Mischbaumarten wie Baumhasel und Roteiche, bereichern die biologische Vielfalt. 

Nachhaltige Waldbewirtschaftung

In den letzten Jahrzehnten litt der Gemeindewald Steinfeld unter immer häufiger auftretenden Sturmereignissen und Borkenkäferkalamitäten. Auch Eis- und Schneebruch verursachten vermehrt Schäden. Um diesen Ereignissen entgegenzuwirken und einen standortgerechten, strukturreichen und klimatoleranten Mischwald auf ganzer Fläche zu erhalten bzw. zu etablieren, wird eine nachhaltige und naturnahe Waldbewirtschaftung groß geschrieben. Neben wirtschaftlichen Gesichtspunkten stehen die Erholungsnutzung und der Waldnaturschutz gleichrangig im Fokus des forstlichen Handelns. Das Ergebnis ist ein Wald, der all seine ökonomischen, ökologischen und sozialen Funktionen für die Gemeinde, die Allgemeinheit und für künftige Generationen erfüllen kann.

Waldpädagogik, Informationsarbeit und Schulungen

Volkmann-Gebhardt nutzt den Gemeindewald sehr intensiv im Rahmen der Öffentlichkeits-, Bildungs- und Informationsarbeit. Waldpädagogische Angebote für Kinder, Waldbegänge und Schulungen für Waldbesitzer, Jäger, aber auch interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie eine stetige Pressearbeit sind ein wichtiges Instrument, um das Bewusstsein für das Ökosystem Wald zu schärfen. 

Jagd

Die Jagd ist nach Ansicht Volkmann-Gebhardts grundlegend. Hier wurden jetzt neue Weichen gestellt, indem die Jagd in eigener Bewirtschaftung ausgeübt wird, um direkten Einfluss auf den Wildbestand zu nehmen. Ab Mai 2022 wird die Jagd in Eigenregie durchgeführt. Hier stehe das Gleichgewicht zwischen Wald und Wild im Fokus. Ziel sei es, dass alle Hauptbaumarten zukünftig ohne Zäune in aller Vielfalt wachsen können. Gleichzeitig soll ein regionales Vermarktungskonzept für das gute Wildfleisch erarbeitet und umgesetzt werden. 

Engagement

Volkmann-Gebhardt ist gleich bei einer Vielzahl von Organisationen engagiert. Dazu gehören der Ökologische Jagdverband e. V. (ÖJV), die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW), Greenpeace und der WWF. Aktives Mitglied ist Martin Volkmann-Gebhardt beim BUND Naturschutz in Bayern.

Lob vom Bürgermeister

Der Bürgermeister von Steinfeld und neue Chef von Martin Volkmann-Gebhardt lobt ihn als einen visionären und kreativen Menschen. „Wenn er für etwas Begeisterung entwickelt, kämpft er hartnäckig so lange, bis er sein Ziel erreichen hat. Das gelingt dann, wenn er die Menschen erreicht und überzeugt für das, wofür er brennt.“ 

Auch konnte ein Waldtausch zwischen 12 Waldbesitzern und einer Kommune innerhalb weniger Monate erreicht werden, da es ihm gelang, alle von den neuen Strukturen zu begeistern. Normalerweise dauert dieses Verfahren auf anderer Ebene ein Jahrzehnt. 

Das Ökokonto der Gemeinde Steinfeld schlummerte zwei Jahrzehnte in irgendwelchen Schubladen der Gemeinde. Dies zu entwickeln und damit wertvolle und schützenswerte Flächen zu erhalten, hat ihm den Mut dazu gegeben, es ins Leben zu rufen. Und so gibt es unzählige Beispiele für Situationen, in denen er als Beamter keinen Dienst nach Vorschrift gemacht hat, sondern einen Dienst aus Leidenschaft. 

Rainer Soppa

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