Michael Selmikat aus Wernigerode

michael selmikat aus wernigerode

Optimist im großen Stil

2.040 ha Stadtwald im Ostharz. 1.100 ha Fichte mit 6.000 Fm jährlichem Einschlag, normaler-weise. 25.000 Fm Gesamteinschlag 2019. 70.000 Fm 2020. 45.000 Fm 2021. Heute 900 ha Fichtenwald tot. Was sich anhört wie der Datensatz einer Parabel, ist das Ende der Fichte im Harz. Michael Selmikat hat diesen Flug mitgemacht, den Flug des Borkenkäfers, den Abtransport seines Waldes. Mit unerschütterlichem Humor und Zukunftsplänen hat der Stadtwaldförster aus Wernigerode seinen Wald aber nicht aufgegeben.

Milde lächelnd schaut Förster Selmikat über eine kahle Fläche. Diese war einmal Fichtenwald. Jetzt wird sie für die Aufforstung vorbereitet. Seit 2018, als die Trockenjahre und drei Borkenkäfergenerationen im Jahr kamen, hat sich seine Arbeit vollständig verändert. 1996 übernahm er das Revier. Trotz all der Erfahrungen, die er seitdem gesammelt hat, ist er auf diese Aufgabe nicht vorbereitet gewesen. Heute stehen nur noch kleine Fichtengruppen in seinem Wald: „Was aus denen wird, wissen wir nicht“, so Selmikat, der nur noch selten an seine für den Harz so typische Fichtenforste denkt. „Ich bin nicht der Typ zum Trübsalblasen. Das Menschenmögliche haben wir getan, mehr ging nicht. Der Bestand ist uns vor die Füße gefallen, jetzt müssen wir das als Chance sehen, die Weichen richtig zu stellen.“ Wernigerode zeigt auf 500 m ü. NN mit 700 bis 800 mm durchschnittlichem Jahresniederschlag verschiedene Gesichter: flache Täler, kleine Moorstandorte, trockene Kuppen, Steilhänge, flachgründige Böden und Kalkstandorte, gelegen zwischen Privatwald, Landesforst und dem Nationalpark Harz. 

Neue Routinen im Harz

Neben der Naturverjüngung von Fichte, Birke und Erle setzt Selmikat auf Douglasie, Bergahorn, Traubeneiche und Hainbuche zur Humusbildung. Pflanzen im großen Stil ist nun die Aufgabe, der er sich gegenübersieht. „Flächenmäßig können wir ja aus dem Vollen schöpfen.“ Selmikat erklärt, wie die Flächen für bereits voranschreitende Pflanzungen vorbereitet werden. „Bodenvorbereitung ist das A und O, damit die Leute bei der Pflanzung nicht verzweifeln.“ Sonst habe er 10 bis 13 ha Pflanzungen im Jahr organsiert, nun seien 25 bis 40 ha nötig. Der Mehraufwand, den die manuelle Arbeit mit sich bringt, müsse fachgerecht durchgeführt und daher begleitet werden. Sein Team, das in der Krise ebenfalls aufgestockt wurde, trifft er jeden Morgen am Material- und Werkzeuglager im Wald und bespricht mit ihm, was der jeweilige Tag bereithält. Für regelmäßige Pflanzprojekte mit der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW), mit örtlichen Vereinen wie dem Schützenverein oder dem Anglerverein, mit Schulen und Beeinträchtigten-Gruppen ist er darüber hinaus sehr dankbar. Sie sind nicht nur symbolisch, sondern helfen dem Betrieb enorm. „Auch meine Frau hat schon bei einer der Aktionen mitgepflanzt“, lacht der Förster, der seinen Job als Beruf und Hobby zugleich sieht. Sie habe viel Verständnis für seine Aufgabe, die nicht an feste Arbeitszeiten geknüpft ist. Obwohl der Tag morgens um halb sieben startet, klingelt das Telefon auch mal abends oder am Wochenende, „das gehört dazu“, so Selmikat. Unter der Woche führt der morgendliche „Waldweg“ nach der Teamsitzung direkt in die Wildkammer. Der Förster entdeckte seine Leidenschaft für die Jagd im Studium. Er bejagt sein Revier zusammen mit 22 Jagderlaubnisscheininhabern. Neben zahlreichen Einzeljagden finden drei bis fünf Drückjagden im Jahr statt. Zudem ist er Vorsitzender von zwei Jagdgenossenschaften. Am späten Vormittag eines Arbeitstages zieht es ihn aber zurück ins Revier. Nach Feierabend geht der bald 53-Jährige gerne Laufen, Wandern oder Ski fahren. Er will draußen sein.

Eisernes Vertrauen

„Förster sein heißt: kreativ sein in der Natur. Um alles sich selbst zu überlassen – dafür muss ich nicht Förster sein.“ Selmikat besinnt sich auf das Wesentliche: „So, wie es mal war, werden wir es nicht mehr erleben. Aber wir wissen, was wir jetzt zu tun haben, damit unsere Nachfolgegenerationen auch wieder einen grünen Wald kennenlernen und davon den Nutzen ziehen, sei es sauberes Trinkwasser oder frische Luft für Wernigerode.“ Mit eisernem Vertrauen in den Standort tritt er an die Kahlflächen heran: „Jetzt, wo die Käfersituation zusammenbricht, muss nicht alles weggenommen werden.“ Er möchte beobachten, wie sich die Restbestände entwickeln. Trotz der Hitzerekorde, der Trockenheit und des veränderten Binnenklimas seiner Wälder sei noch Feuchtigkeit im Boden. Wenn darauf gesunde Mischbestände entstehen, folgt für Selmikat die Steuerung der Flächen. „Mit Lärchen und Douglasien können wir wieder nutzbare Wälder aufbauen“. Das ist ihm wichtig, um über den Holzbau langfristig Kohlenstoff zu speichern. Neben der Naturverjüngung machen die Aufforstungen von Mischwäldern und Fichte-Lärche-Mischungen ihm viel Spaß: „Das ist vielfältig – mein Lieblingsbereich im Arbeitsalltag. Wenn es wächst, das ist schön zu beobachten!“ Pflege, Formschnitte, die Entwicklung der Landschaft zu beobachten, das alles mache ihn glücklich. Eine Auenanpflanzung im Zaun sowie stabile Erlenbestände, die trotz Februarstürme vital wirken, sind sein Stolz. Neben den offensichtlichen Borkenkäferkalamitäten zeigt der Stadtwald kleine Besonderheiten: Magere Blühwiesen, ein Erlenbruch mit Eschen, Schafsbeweidung in Kooperation mit einem örtlichen Schäfer, angepasste Rotwildbestände und seltenere Wildtiere, freie Sicht auf den Brocken wie auch eine 130 ha große Trinkwasserschutzzone gehören zum Revier. Eingefasste Quellen und ein Aussichtsturm runden das Bild der vielen Wanderwege im Ostharz ab, das während der Corona-Pandemie immer mehr Touristen, Radfahrer, Wanderer und Waldbegeisterte hergelockt hat. Den Wald zu nutzen, zu schützen und mit Besucherinnen und Besuchern zu teilen, gehe für Selmikat Hand in Hand. 

Förster als Schatzmeister

„Als ich 12 Jahre alt war, als kleiner Junge, wollte ich Förster werden. Das war mein Wunsch, der sich erfüllt hat. Es ist einfach eine hochinteressante Arbeit, die mich ausfüllt. Solange man mich lässt, mache ich das.“ Förster Selmikat kommt selbst aus keiner Förster- oder Jägerfamilie, er war aber als Kind häufig im Winterurlaub im Harz. Sein einstiges Urlaubsziel ist heute sein Zuhause, er habe hier gebaut und sei hier verwurzelt.

Im Wald habe er außerdem eine „Schatzkammer“, so nennt er seine gesunden Douglasienbestände liebevoll. Dass der Borkenkäfer auf die Dou-
glasien übergeht oder andere Schädlinge vorkommen, hat er noch nicht beobachtet. Ein lokal ansässiger Blockhausbauer nimmt ihm dicke Randbäume ab. Auch nach dem Abtransport der schluchtenbildenden Fichtenholzpolter ist der Holzverkauf noch seine Einnahmequelle Nummer eins. Finanziellen Halt geben außerdem Förderungen, Spenden und nicht zuletzt die Jagdeinnahmen, die 10 % ausmachen. Der Naturliebhaber organisiert neben dem Holzverkauf auch den Wildbretverkauf selbst. Selmikat sieht das Positive. Sein Stolz sind die neuen Bestände, denen er jetzt beim Aufwachsen zusehen wird. Bis die erste Pflege beginnt, steht er aber nicht still: Waldführungen, Praktikantinnen und Praktikanten aus Schulen und Hochschulen, Pflanzaktionen und ein Heilwald-Projekt. „Oberbürgermeister Peter Gaffert und mein Chef Tobias Kascha kommen mit immer neuen Ideen um die Ecke.“ Selmikat begeistert sich für die vielseitigen Aufgaben. Als Generalist im Wald müsse man sich immer weiterbilden, sich den Aufgaben stellen, auf Menschen zugehen. „Man kann nicht mit einer Staubwolke an den Leuten vorbeisausen.“ Selmikat möchte den Leuten mit einem Lächeln begegnen, informieren. „Ich versuche schon, einen guten Eindruck zu hinterlassen.“ Seit 2001 ist der Stadtwald auch PEFC-zertifiziert. „Wernigerode ist in allem weit vorne“, lacht der Förster. „Eben die bunte Stadt im Harz, auch im Wald.“

Carolin Föste

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